Ursachen, Biofilm und moderne Behandlung
Die Wundheilung bei Pferden, insbesondere an den Gliedmaßen, ist in der tierärztlichen Praxis eine der größten Herausforderungen. Dass Wunden beim Pferd so schnell chronisch werden oder stagnieren, liegt an einer Kombination aus anatomischen Besonderheiten und physiologischen Eigenheiten der Spezies.
Warum werden Pferdewunden chronisch?
Hypergranulation: Wildes Fleisch als Heilungshindernis
Pferde neigen physiologisch zu einer überschießenden Bildung von Granulationsgewebe. Da die Entzündungsphase bei Wunden unterhalb des Karpal- bzw. Tarsalgelenks oft schwach, aber extrem langanhaltend verläuft, produziert der Körper unkontrolliert neues Gewebe. Dieses „wilde Fleisch“ überwuchert den Wundrand und verhindert mechanisch, dass sich neue Epithelzellen darüberlegen können.
Schlechte Durchblutung und hohe Gewebespannung an den Beinen
Die meisten chronischen Wunden entstehen distal von Knie und Ellbogen. In diesem Bereich gibt es kaum schützendes Muskelgewebe, sondern fast nur Sehnen, Knochen und Haut. Die Haut steht hier unter erheblicher mechanischer Spannung, was den Wundverschluss erschwert. Zudem ist die kapillare Durchblutung in diesem Bereich schlechter als am Rumpf, wodurch weniger Sauerstoff und Nährstoffe am Wundbett ankommen.
Konstante Bewegung und mechanische Reizung
Ein Pferd lässt sich kaum ruhigstellen. Durch das Aufstehen, Hinlegen und die ständige Bewegung im Gelenksbereich wird das frisch gebildete, hochempfindliche Gewebe immer wieder mikroskopisch eingerissen.
Hoher Infektionsdruck und Biofilmbildung
Die Stallumgebung ist niemals steril. Wunden an den Beinen sind permanent in der Nähe von Einstreu, Staub, Kot und Urin. Wenn eine Wunde länger offen bleibt, schließen sich diese Bakterien zu einem Biofilm zusammen. Dieser schützende Schleimfilm macht die Erreger resistent gegen körpereigene Abwehrzellen sowie gegen viele topische Antibiotika und blockiert die Heilung massiv.
Starke Kontamination bei der Wundentstehung
Viele Pferdewunden entstehen auf der Koppel oder im Stall durch Traumata wie Zaunverletzungen (Koppeldraht), Tritte oder Hängenbleiben an Gegenständen. Diese Wunden sind meist unsauber, Gewebe wird gequetscht, Taschen bilden sich, und Schmutz wird tief in die Wunde gepresst. Ein solches traumatisiertes und minderdurchblutetes Gewebe bietet den perfekten Nährboden für chronische Infektionen.
Bildung des Biofilms
Sobald Bakterien die Wunde besiedeln, heften sie sich an das Gewebe und bilden innerhalb kurzer Zeit eine schützende Schleimschicht aus Proteinen und Zuckern. Innerhalb dieser Barriere sind die Erreger widerstandsfähig gegenüber der körpereigenen Immunabwehr und herkömmlichen Antibiotika. Ohne eine gezielte, mechanische und chemische Zerstörung dieser Schleimschicht hält der Biofilm die Wunde in einer dauerhaften Entzündungsphase und blockiert jeglichen Heilungsfortschritt.
Hypochloriger Säure (HOCl): Wirksam gegen Biofilm ohne Resistenzbildung
Hypochlorige Säure (HOCl) ist ein körpereigener Stoff, den auch die weißen Blutkörperchen des Pferdes zur natürlichen Immunabwehr produzieren.
Aufgrund ihrer geringen Molekülgröße und elektrischen Neutralität kann HOCl die schützende Schleimschicht des Biofilms mühelos durchdringen, anstatt an ihr abzuprallen. Sie zerstört die Zellwände der Bakterien durch Oxidation und bricht gleichzeitig die strukturelle Matrix des Biofilms auf.
Da HOCl auf einem rein physikalischen Wirkprinzip beruht, beseitigt sie selbst multiresistente Keime hocheffektiv ohne dass Resistenzen entstehen können.
Quellen:
Jørgensen E, Bjarnsholt T, Jacobsen S. Biofilm and Equine Limb Wounds. Animals (Basel). 2021 Sep 27;11(10):2825. doi: 10.3390/ani11102825. PMID: 34679846; PMCID: PMC8532864.
Nadia Ayurini Anantama, Charis Du Cheyne, Ann Martens, Susanne Pauline Roth, Janina Burk, Ward De Spiegelaere, Jule Kristin Michler, The granulation (t)issue: A narrative and scoping review of basic and clinical research of the equine distal limb exuberant wound healing disorder, The Veterinary Journal, Volume 280, 2022, 105790, ISSN 1090-0233, https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2022.105790.
Marchant, K., Hendrickson, D.A. & Pezzanite, L.M. (2024) Review of the role of biofilms in equine wounds: Clinical indications and treatment strategies. Equine Veterinary Education, 36, 152–168. Available from: https://doi.org/10.1111/eve.13919